#131 – Anders denken, anders fühlen

Episode Nr. #131

01.04.2025

Anders denken, anders fühlen

Neurodivergenz und Scanner-Persönlichkeit: Wo Gemeinsamkeiten liegen, Unterschiede sich zeigen und wie du dein einzigartiges Potenzial entfaltest

Vielleicht hast du in Gesprächen, Artikeln oder in den Tiefen des Internets schon einmal die Begriffe „Neurodivergenz“ oder „Scanner-Persönlichkeit“ aufgeschnappt und dich gefragt: Was genau verbirgt sich dahinter? Beschreiben sie dasselbe Phänomen, oder gibt es feine, aber entscheidende Unterschiede? Und vor allem: Wie navigiert man am besten durch diese faszinierenden Aspekte der menschlichen Vielfalt? Genau diesen Fragen wollen wir heute auf den Grund gehen und dir praktische Wege aufzeigen, wie du dein einzigartiges Potenzial entfalten kannst.

Neurodivergenz: Wenn das Gehirn auf seine eigene Weise tickt

Der Begriff Neurodivergenz beschreibt die natürliche Variation in der Funktionsweise des menschlichen Gehirns in Bezug auf soziokognitive Prozesse. Er betont, dass neurologische Unterschiede, die angeboren sind oder sich in der frühen Kindheit entwickeln, keine Defizite oder Krankheiten darstellen, sondern vielmehr normale Variationen der menschlichen Neurobiologie. Es geht darum, anzuerkennen und zu respektieren, dass es viele verschiedene Arten gibt, die Welt wahrzunehmen, zu verarbeiten und auf sie zu reagieren.

Einige bekannte Formen der Neurodivergenz sind:

  • Hochsensibilität (HSP): Menschen mit Hochsensibilität nehmen sensorische Informationen intensiver wahr und verarbeiten sie tiefer. Dies führt oft zu einer stärkeren Reaktion auf äußere Reize, aber auch zu einer feineren Wahrnehmung von Nuancen und Emotionen.
  • Autismus-Spektrum: Autismus ist eine neurologische Variation, die sich in Unterschieden in der sozialen Interaktion, Kommunikation und im Vorhandensein von repetitiven Verhaltensweisen oder spezialisierten Interessen äußert. Die Wahrnehmung und Verarbeitung von Reizen und sozialen Signalen kann deutlich von der neurotypischen Mehrheit abweichen.
  • ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung): ADHS ist gekennzeichnet durch Schwierigkeiten mit Aufmerksamkeit, Impulskontrolle und in einigen Fällen übermäßiger motorischer Aktivität. Gleichzeitig bringen viele Menschen mit ADHS eine hohe Kreativität, Energie und die Fähigkeit zum “Hyperfokus” auf Gebiete, die sie wirklich interessieren, mit.
  • Dyslexie und Dyskalkulie: Diese neurologischen Unterschiede betreffen spezifische Lernbereiche wie Lesen, Schreiben oder Rechnen. Sie haben nichts mit mangelnder Intelligenz zu tun, sondern mit einer anderen Art der Informationsverarbeitung.

Neurodivergente Menschen erleben die Welt oft auf eine Weise, die von der Mehrheit abweicht. Es ist entscheidend zu verstehen, dass dies keine pathologische Abweichung ist, sondern eine natürliche und wertvolle Form der neurologischen Diversität.

Scanner-Persönlichkeit: Die faszinierende Welt der Vielseitigkeit

Der Begriff „Scanner-Persönlichkeit“ wurde maßgeblich durch die amerikanische Autorin Barbara Sher in ihrem Buch „Du musst dich nicht entscheiden, wenn du tausend Träume hast“ geprägt. Er beschreibt Menschen, die eine breite Palette an Interessen und Talenten besitzen und sich schnell für Neues begeistern können. Sie sind neugierig, wissbegierig und lieben es, in verschiedene Themen einzutauchen und neue Fähigkeiten zu erlernen.

Typische Merkmale von Scanner-Persönlichkeiten sind:

  • Ein breites Spektrum an Interessen: Scanner haben oft gleichzeitig oder nacheinander viele verschiedene Leidenschaften, die scheinbar nicht miteinander verbunden sein müssen.
  • Hohe Begeisterungsfähigkeit und Neugier: Sie werden leicht von neuen Ideen und Möglichkeiten angezogen und stürzen sich mit Enthusiasmus in neue Projekte.
  • Schnelles Erlernen neuer Fähigkeiten: Scanner haben oft die Fähigkeit, sich schnell in neue Themen einzuarbeiten und grundlegende Kompetenzen zu erwerben.
  • Schwierigkeiten mit langfristiger Fokussierung: Die anfängliche Begeisterung kann nachlassen, sobald die Neuheit verflogen ist oder wenn neue, aufregendere Interessen auftauchen. Dies kann dazu führen, dass Projekte unvollendet bleiben.
  • Der Wunsch nach Abwechslung und Stimulation: Routine und Monotonie können für Scanner sehr demotivierend sein. Sie brauchen ständige neue Impulse und Herausforderungen.

Scanner sind im Grunde „Generalisten“ in einer Welt, die oft Spezialisierung belohnt. Ihre Vielseitigkeit kann jedoch eine immense Stärke sein, wenn sie richtig genutzt wird.

Neurodivergenz und Scanner: Wo sich die Welten begegnen

Die Überschneidungen zwischen Neurodivergenz und der Scanner-Persönlichkeit sind faszinierend und treten häufig auf. Viele neurodivergente Menschen weisen auch Scanner-Eigenschaften auf, und umgekehrt. Besonders bei Hochsensibilität und ADHS lassen sich oft Parallelen zur Vielseitigkeit und schnellen Begeisterungsfähigkeit von Scannern finden.

Gemeinsamkeiten:

  • Intensive Wahrnehmung: Sowohl neurodivergente Menschen (insbesondere Hochsensible) als auch Scanner können eine intensivere Wahrnehmung von Eindrücken und Emotionen haben. Die Welt kann als reichhaltiger und manchmal überwältigender erlebt werden.
  • Schnelle Überforderung: Die Kombination aus intensiver Wahrnehmung und einer Vielzahl an Interessen kann schnell zu Reizüberflutung und Erschöpfung führen.
  • Kreativität und Innovationsfähigkeit: Beide Gruppen zeichnen sich oft durch eine hohe Kreativität und die Fähigkeit aus, Dinge aus ungewöhnlichen Perspektiven zu betrachten. Die Verknüpfung verschiedener Interessen kann zu innovativen Ideen führen.
  • Empathie: Viele neurodivergente Menschen, insbesondere Hochsensible und einige Autisten, verfügen über eine ausgeprägte Empathie. Auch Scanner können durch ihr breites Interesse an Menschen und ihren Geschichten ein tiefes Verständnis entwickeln.

Typische Herausforderungen in der Kombination:

Die Kombination aus neurodivergenten Merkmalen und Scanner-Eigenschaften kann jedoch auch spezifische Herausforderungen mit sich bringen:

  • Erhöhte Anfälligkeit für Erschöpfung und Reizüberflutung: Die intensive Wahrnehmung in Kombination mit dem ständigen Wunsch nach neuen Erfahrungen kann zu einer schnelleren Überlastung des Nervensystems führen.
  • Schwierigkeiten bei der Priorisierung und dem Abschluss von Projekten: Die Fülle an Interessen kann es erschweren, Prioritäten zu setzen und Projekte bis zum Ende zu verfolgen, bevor die nächste spannende Idee lockt.
  • Gefühle von Frustration und Selbstzweifel: Das Gefühl, sich nicht festlegen zu können oder nirgends wirklich anzukommen, kann zu Frustration und Selbstzweifeln führen, insbesondere in einer Gesellschaft, die oft Spezialisierung und Konzentration auf ein einziges Zielidealisiert.
  • Die Suche nach Akzeptanz und Verständnis: Sowohl Neurodivergenz als auch das Scanner-Sein können von der neurotypischen Mehrheit missverstanden werden, was zu Gefühlen der Isolation führen kann.

Handlungsempfehlungen: So navigierst du erfolgreich durch deine einzigartige Welt

Wenn du dich in der Beschreibung von Neurodivergenz und Scanner-Persönlichkeit wiederfindest, gibt es viele Wege, wie du deine Stärken nutzen und mit den Herausforderungen besser umgehen kannst:

  1. Akzeptiere und würdige deine Einzigartigkeit: Der erste und wichtigste Schritt ist die Selbstakzeptanz. Erkenne an, dass deine Art zu denken, zu fühlen und dich für Dinge zu begeistern, wertvoll ist. Betrachte deine Vielseitigkeit und Sensibilität nicht als Fehler, sondern als besondere Gaben.
  2. Setze bewusste Grenzen und reduziere Reize: Da du möglicherweise schneller überfordert bist, ist es entscheidend, dir bewusst Pausen und reizarme Zeiten zu gönnen. Plane diese Ruhephasen fest in deinen Alltag ein und lerne, deine Grenzen zu erkennen und zu respektieren.
  3. Entwickle flexible Planungsstrategien: Starre Zeitpläne funktionieren für Scanner oft nicht. Experimentiere mit Planungstechniken, die deine Vielseitigkeit unterstützen und dennoch Struktur bieten.
    • Timeboxing: Lege feste Zeitfenster für verschiedene Interessen und Aufgaben fest, ohne dich zu zwingen, diese über das Zeitfenster hinaus zu verfolgen.
    • Visualisierung (z. B. Kanban-Boards): Nutze visuelle Hilfsmittel, um deine verschiedenen Projekte und Interessen im Blick zu behalten und Fortschritte zu visualisieren.
    • Thematische Tage oder Wochen: Ordne deine Zeit thematisch, z. B. ein Tag für kreatives Schreiben, ein anderer für Recherche in einem neuen Interessengebiet.
  4. Erlaube dir, Dinge bewusst nicht abzuschließen: Als Scanner darfst du lernen, dass es in Ordnung ist, ein Projekt fallen zu lassen, wenn das Interesse nachlässt oder du etwas Neues entdecken möchtest. Betrachte das Ausprobieren und Lernen als wertvollen Teil des Prozesses. Setze dir “Testphasen” für neue Projekte und entscheide danach, ob du weiter investieren möchtest.
  5. Finde deine “Ankerprojekte” oder “roten Fäden”: Auch wenn du viele Interessen hast, gibt es vielleicht wiederkehrende Themen oder Fähigkeiten, die deine verschiedenen Leidenschaften verbinden. Identifiziere diese “roten Fäden”, um ein Gefühl der Kohärenz und Richtung zu entwickeln.
  6. Nutze deine Vielseitigkeit als Stärke: Finde Wege, deine unterschiedlichen Fähigkeiten und Interessen zu kombinieren. Oft entstehen gerade aus der Verbindung scheinbar unzusammenhängender Bereiche innovative Ideen und einzigartige Talente.
  7. Suche dir Unterstützung und Austausch: Sprich mit anderen Menschen, die ähnliche Erfahrungen machen. Der Austausch in Selbsthilfegruppen, Online-Foren oder mit Coaches, die sich mit Neurodivergenz und Scanner-Persönlichkeiten auskennen, kann sehr hilfreich sein.
  8. Experimentiere mit verschiedenen Arbeits- und Lernumgebungen: Finde heraus, welche Umgebungen deine Konzentration und Kreativität am besten fördern. Vielleicht brauchst du Phasen der Ruhe und dann wieder die Möglichkeit zum Austausch und zur Zusammenarbeit.
  9. Feiere deine Erfolge – auch die kleinen: Anerkenne und würdige deine Fortschritte und Erfolge, egal wie klein sie scheinen mögen. Das stärkt dein Selbstvertrauen und motiviert dich, deinen eigenen Weg weiterzugehen.

Titelbild der Scansitives Community
Komm zu uns in die Community – Austausch mit Gleichgesinnten

 

Fazit: Dein einzigartiges Potenzial wartet darauf, entfaltet zu werden

Die Kombination aus Neurodivergenz und Scanner-Persönlichkeit mag auf den ersten Blick wie eine Quelle von Herausforderungen erscheinen. Doch in Wahrheit birgt sie ein immenses Potenzial für Kreativität, Innovation und ein tiefes Verständnis der Welt. Es geht darum, dich selbst besser kennenzulernen, deine Bedürfnisse zu respektieren und Strategien zu entwickeln, die es dir ermöglichen, deine vielfältigen Talente und Interessen zu leben, ohne dich dabei zu überfordern.

Anstatt zu versuchen, dich an starre Normen anzupassen, liegt der Schlüssel darin, deine Einzigartigkeit anzunehmen und die passenden Lebensstrategien zu finden, die zu deiner individuellen Art zu sein passen. Denn genau das macht dich aus – einzigartig, wertvoll und besonders. Und mit diesem Verständnis bist du bestens gerüstet, um dein volles Potenzial zu entfalten und endlich ganz du selbst zu sein.

Nicole Führing
Nicole Führing | Expertin für HSP & Scanner | Endlich. Selbst. Werden.