

Nicole · Frau Sensibel · 6 min Lesezeit
Ein Kollege macht einen harmlosen Kommentar – und du sitzt danach noch eine Stunde mit einem Kloß im Hals da. Dein Kind stellt eine kleine Frage, und plötzlich kämpfst du mit den Tränen, obwohl objektiv nichts Schlimmes passiert ist.
Genau darüber geht es in diesem Beitrag: emotionale Überforderung. Also der Moment, in dem kleine Dinge plötzlich riesig werden – und warum das kein Zeichen von Schwäche ist, sondern etwas, das sich erklären und besser begleiten lässt.
Emotionale Überforderung bedeutet, dass deine Gefühle gerade mehr Raum brauchen, als in diesem Moment verfügbar ist. Das kann sich als Weinen zeigen, aber genauso als Wut, als Leere oder als das Gefühl, innerlich komplett zu blockieren.
Anders als bei einer akuten Reizüberflutung durch Geräusche oder Licht – darüber ging es ausführlich in Folge #198 zur Überstimulation – geht es hier vor allem um innere Reize: Gefühle, die sich über Stunden, Tage oder manchmal Wochen angesammelt haben, bevor sie an einer eigentlich kleinen Stelle überlaufen.
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Es war nie nur diese eine Kleinigkeit. Es war alles, was vorher schon im Fass war.
Du kennst sicher das Bild vom Fass, das langsam vollläuft. Der letzte Tropfen, der es zum Überlaufen bringt, sieht von außen winzig aus – ein Kommentar, ein Blick, eine kleine Enttäuschung. Aber er ist nicht die Ursache. Er ist nur der Auslöser für etwas, das sich schon lange aufgebaut hat.
Hochsensible Menschen nehmen emotionale Signale – die eigenen und die von anderen – besonders intensiv wahr. All das wird nicht nur registriert, sondern tief verarbeitet und mitgetragen. Das führt dazu, dass sich über den Tag mehr emotionaler Ballast ansammelt als bei Menschen, die solche Signale eher an sich abperlen lassen. Nicht, weil du überempfindlich bist, sondern weil du schlicht mehr aufnimmst.
Eine typische Situation
Eine anstrengende Arbeitswoche, ein unangenehmes Elterngespräch in der Schule – und am Freitagabend vergisst dein Partner, die Spülmaschine auszuräumen. Etwas, worüber du an einem guten Tag höchstens die Augen rollen würdest. An diesem Abend brichst du deswegen in Tränen aus, und selbst du denkst: “Warum reagiere ich gerade so?” Die Antwort: Es ging nie um die Spülmaschine. Es ging um die ganze Woche, die sich in dir aufgestaut hat.
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Statt … dir Vorwürfe zu machen (“Ich sollte mich nicht so anstellen”) |
Lieber … kurz aussteigen, durchatmen, das Gefühl da sein lassen |
Wenn es passt, sag dem Gegenüber ehrlich: “Das hat gerade nichts direkt mit dir zu tun, ich bin einfach emotional am Limit.” Das nimmt Druck raus – für dich und für die andere Person. Und wenn sich das mit äußerer Reizüberflutung vermischt, schau gerne noch mal in Folge #198 vorbei – da bekommst du zusätzlich konkrete Schritte, wie du den Reizpegel schnell wieder senkst.
Der wichtigste Hebel ist, das Fass gar nicht erst so voll werden zu lassen: kleine emotionale Dinge zeitnah ansprechen oder verarbeiten, statt sie zu sammeln. Ein kurzes Gespräch nach einem unangenehmen Moment, ein paar Minuten Journaling am Abend, oder einfach die bewusste Frage: “Was beschäftigt mich gerade eigentlich wirklich?”
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Zum Nachspüren
→Was beschäftigt dich gerade eigentlich wirklich – jenseits der letzten Kleinigkeit?
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