Hochsensibel und extrovertiert? Warum dieser Mix völlig unterschätzt wird

Episode Nr. #008

21.11.2022

Der absolute Widerspruch: Hochsensibel und extrovertiert

Diese Podcastfolge ist Teil der Themenwelt Hochsensibilität. Auf der Übersichtsseite zu Hochsensibilität findest du weitere Beiträge, Podcastfolgen und praktische Tipps, wie du als hochsensibler Mensch deinen Alltag leichter gestalten kannst.

Hochsensibel und extrovertiert: Wenn du Reize liebst – und trotzdem Ruhe brauchst (HSE)

Heute möchte ich dir etwas aus der Sicht einer extrovertierten, hochsensiblen Persönlichkeit erzählen.
Die Abkürzung dafür ist HSE: hochsensible Extrovertierte.

Ich schreibe diesen Beitrag bewusst persönlich. Weil ich selbst dazu gehöre. Und weil dieser Teil der Hochsensibilität im Vergleich zu den introvertierten Ausprägungen oft weniger sichtbar ist – und sich viele HSE lange fragen:

„Warum bin ich so widersprüchlich?“
„Warum liebe ich Menschen – und brauche danach trotzdem Rückzug?“
„Warum kann ich laut sein und gleichzeitig so fein reagieren?“

Wenn du dich irgendwo zwischen „Ich bin gern unter Menschen“ und „Bitte lasst mich alle in Ruhe“ wiederfindest: Dann lies weiter. Vielleicht sortiert sich heute etwas in dir.

Erst mal kurz: Was bedeutet HSE überhaupt?

Hochsensibilität bedeutet, dass dein Nervensystem Reize intensiver verarbeitet.
Nicht nur „Lärm“ oder „Licht“, sondern auch:

  • Stimmungen und Zwischentöne

  • unausgesprochene Erwartungen

  • Dynamiken in Gruppen

  • Ungerechtigkeit, Unauthentizität, Spannungen

Viele Hochsensible sind eher introvertiert. Sie bleiben lieber „unter dem Radar“, sind als Kinder oft still, vorsichtig und schnell überfordert. Sie suchen Ruhe, Struktur, Rückzug.

HSE sind auch hochsensibel – aber ihr extrovertierter Anteil ist deutlich stärker spürbar.

Das kann sich so zeigen:

  • soziale Interaktion ist nicht nur „okay“, sondern oft richtig wichtig

  • Austausch kann Energie geben – wenn er echt ist

  • größere Gruppen sind manchmal sogar inspirierend

  • gleichzeitig braucht das System Rückzug, um zu verarbeiten

Viele HSE sind deshalb im Kern ambivert: Sie schwanken zwischen introvertiert und extrovertiert – je nach Tagesform, Kontext, Belastung, Reizpegel und emotionaler Sicherheit.

Und genau dieses „Hin und Her“ ist oft das, was verwirrt.

Nicole bei dem Vortrag: Das Leben ist so schön, wie Du es findest!

Woran du HSE erkennen kannst (ohne Schublade, aber mit Klarheit)

Vielleicht kennst du dich in mehreren Punkten wieder:

1) Du brauchst Menschen – aber nicht „irgendwie“

Soziale Energie ist für dich wichtig. Austausch inspiriert dich. Du magst Begegnung.
Aber nur, wenn du nicht performen musst.

Wenn du dich verstellen musst, wird selbst ein nettes Treffen anstrengend.

2) Du redest gern – und du hörst gern

Viele HSE sind kommunikativ. Sie denken laut. Sie erzählen gern.
Und sie können gleichzeitig unglaublich gut zuhören – weil echtes Interesse da ist.

Small Talk klappt oft, aber meistens nicht als Endstation. Eher als Türöffner für Tiefe.

3) Du kannst im Mittelpunkt stehen – solange es stimmig bleibt

Viele HSE haben eine höhere Toleranz für Sichtbarkeit als introvertierte HSP.
Vorträge, Gruppen, Bühne, Moderation: Das kann sogar richtig passen.

Aber: Es kostet trotzdem Verarbeitung. Nur anders als bei introvertierten HSP.

4) Du hast oft eine größere Reiz-Toleranz – aber keine Unendlichkeit

Menschenmengen, Chaos, Lautstärke gehen manchmal besser als gedacht.
Und dann kommt plötzlich ein Punkt, an dem dein System sagt: „Stopp. Jetzt reicht’s.“

Das ist kein Widerspruch. Das ist ein Nervensystem mit feiner Grenze.

HSE-Stärken: Was du mitbringst, wenn du dich nicht klein machst

HSE haben oft eine besondere Mischung aus:

Wärme und Klarheit

Du bist herzlich, nahbar, lebendig.
Und du kannst sehr klar werden – besonders, wenn etwas unstimmig oder unfair ist.

Intuition und Impulskraft

Du spürst Dinge schnell. Und du sagst sie manchmal auch schnell.
Das kann unglaublich hilfreich sein – und manchmal auch ein Fettnäpfchen, wenn dein Gegenüber nicht so direkt ist.

Vernetztes Denken

Viele HSE sind zusätzlich Scanner oder sehr vielseitig.
Sie denken quer, verbinden Themen, sehen Muster, bringen neue Perspektiven.

Motivation und Mitnahme-Energie

Wenn du begeistert bist, steckst du andere an.
Du kannst Räume verändern. Menschen ermutigen. Ideen in Bewegung bringen.

HSE-Stolpersteine: Wo es im Alltag wirklich schwierig werden kann

Hier wird es oft ernst. Nicht, weil mit dir etwas falsch ist.
Sondern weil du sehr viel „gleichzeitig“ bist.

1) Offene Gespräche werden mit echter Nähe verwechselt

Viele HSE erleben: Menschen öffnen sich schnell. Vertrauen dir. Erzählen viel.
Das kann sich nach Verbindung anfühlen.

Aber nicht jede Offenheit ist Beziehung. Manchmal ist es nur Entladung.

Das ist ein wichtiger Lernpunkt:
Du darfst unterscheiden zwischen „jemand öffnet sich“ und „wir sind wirklich verbunden“.

2) Du ziehst Menschen an, die deine Energie anzapfen

Weil du offen bist, interessiert, empathisch, kommunikativ.
Manche Menschen merken das – und nutzen es unbewusst oder bewusst.

Wenn du danach oft leer bist, ist das kein Zufall. Dann braucht es klare Grenzen.

3) Party-Dilemma: „Ich will bleiben“ vs. „Ich kann nicht mehr“

Viele HSE kennen diesen Moment auf Events:
Es ist schön. Es ist inspirierend. Und gleichzeitig kippt es.

Ein sehr praktischer Satz, der oft stimmt:
Wenn der Gedanke auftaucht „eigentlich reicht’s“, ist das der Moment zu gehen.
Nicht aus Angst. Sondern aus Selbstführung.

Nicole Führing steht an einem Samstagabend vor der Disco Rosenhof
Nicole Führing gehört zu den 30 % der HSP die als HSE zählen., Extrovertierte Hochsensible. Hochsensible extrovertierte wie Nicole, können auch gut mal zu einer Party mit vielen Menschen gehen, ohne dass ihre Akkus direkt leer sind.

4) Laut denken wird als Chaos missverstanden

HSE denken oft im Sprechen. Ideen kommen in Wellen. Querverbindungen entstehen live.

Für andere klingt das manchmal wie Durcheinander.
Hier hilft es, dein Umfeld zu informieren:
„Ich denke laut. Lass mich kurz sortieren, dann fasse ich zusammen.“

5) Grundbedürfnisse sind der Schlüssel (und werden zu oft unterschätzt)

Viele HSE reagieren deutlich stärker, wenn eines davon fehlt:

  • Schlaf

  • Nahrung (Hunger ist ein riesiger Trigger)

  • Ruhephasen

  • körperliche Stabilität (Schmerzen, Hitze, Übermüdung)

Wenn diese Basics nicht stimmen, kippt das System schneller in Gereiztheit oder Überreaktion.
Das ist keine Charakterschwäche. Es ist Regulation.

Was dir hilft, wenn du HSE bist (ganz praktisch)

Hier ein paar alltagstaugliche Leitplanken:

1) Plane Begegnung mit Nachklang

Nicht nur „Termin“, sondern auch „Verarbeitung“.
Wenn du weißt, dass ein Abend dich inspiriert, plane danach bewusst Luft ein.

2) Übe den Unterschied zwischen Impuls und Wahrheit

Du darfst spontan sein. Und du darfst dir trotzdem einen Sekundenraum schaffen.
Manchmal reicht ein inneres: „Stopp. Einmal atmen.“

3) Sprich deine Dynamik aus

Du musst dich nicht ständig erklären, aber du darfst dich verständlich machen:
„Ich bin gern unter Menschen, brauche danach aber Rückzug.“
„Ich rede viel, weil ich denke. Das ist kein Überrollen.“

4) Mach dein Nervensystem zur Chefin

Dein System lügt nicht. Es meldet nur oft früher als dein Kopf.
Wenn du lernst, diese Signale ernst zu nehmen, wirst du stabiler – nicht kleiner.

Wenn du dich wiedererkennst

Vielleicht hast du beim Lesen gemerkt:
„Ja. Das bin ich.“
„Endlich ergibt das Hin und Her Sinn.“
„Ich brauche dafür einen besseren Umgang – nicht mehr Disziplin.“

Dann gilt: Du musst das nicht allein sortieren.

Wenn du möchtest, kannst du dir ein kostenfreies Orientierungsgespräch buchen.


Wir schauen gemeinsam:

  • wo du gerade stehst

  • was dich im Alltag am meisten überreizt

  • und welche 1–2 nächsten Schritte dir wirklich Stabilität bringen

Vertraulich. Ohne Druck. In deinem Tempo.

Wenn du dich als HSE (oder als Mischung aus hochsensibel, extrovertiert, vielseitig) wiedererkennst und dir wünschst, das nicht nur zu verstehen, sondern auch im Alltag besser zu halten, dann lass uns in Ruhe sprechen.

Ja, Ich möchte Klarheit für mich – Gespräch buchen

 

Aktualisiert am 23.01.2026

Nicole Führing
Nicole Führing | Expertin für HSP & Scanner | Endlich. Selbst. Werden.