

Diese Podcastfolge ist Teil der Themenwelt Hochsensibilität. Auf der Übersichtsseite zu Hochsensibilität findest du weitere Beiträge, Podcastfolgen und praktische Tipps, wie du als hochsensibler Mensch deinen Alltag leichter gestalten kannst.
Manchmal beginnt es mit einem Satz.
Nicht mit einem großen Streit. Nicht mit einem lauten Knall. Sondern mit einem Satz in einer Nachricht, einem Tonfall am Telefon oder diesem einen Blick, den jemand am Küchentisch hat.
Du wolltest nur kurz antworten. Oder nur schnell etwas erledigen. Und plötzlich merkst du, dass in dir etwas hochsteigt.
Der Hals wird eng.
Der Bauch zieht sich zusammen.
Die Gedanken springen los.
Und noch bevor du wirklich sortieren kannst, was gerade passiert, bist du schon mittendrin.
Traurig. Gereizt. Wütend. Berührt. Überfordert.
Manchmal alles zusammen.
Und dann kommt dieser alte Gedanke:
Warum bin ich denn schon wieder so?
Emotionale Überforderung fühlt sich oft so an, als würde innen alles gleichzeitig sprechen.
Da ist nicht nur Traurigkeit. Da ist auch Druck.
Da ist nicht nur Wut. Da ist auch Scham.
Da ist nicht nur Mitgefühl. Da ist auch Erschöpfung.
Für hochsensible Menschen kann genau das sehr anstrengend sein. Nicht, weil sie sich anstellen. Sondern weil sie oft mehr wahrnehmen, länger nachspüren und feiner auf Stimmungen reagieren.
Ein Gespräch ist dann nicht nur ein Gespräch.
Es bleibt im Körper.
Es läuft nach.
Es verbindet sich mit Erinnerungen, Gedanken und alten Mustern.
Und irgendwann ist nicht mehr klar: Was fühle ich gerade wirklich? Was gehört zu mir? Was habe ich von außen aufgenommen?
Oft merkst du es nicht zuerst im Kopf.
Der Kopf findet immer Erklärungen. Der sagt: „Ach komm, ist doch nicht so schlimm.“ Oder: „Reiß dich zusammen.“ Oder: „Andere schaffen das doch auch.“
Dein Körper ist da oft ehrlicher.
Du erkennst emotionale Überforderung zum Beispiel daran, dass du schneller gereizt bist als sonst. Dass du wegen Kleinigkeiten weinen könntest. Dass du dich nach Gesprächen leer fühlst, obwohl sie nett waren. Dass du dich zurückziehen willst, aber gleichzeitig ein schlechtes Gewissen bekommst.
Manchmal zeigt es sich auch daran, dass du alles zerdenkst.
Du gehst eine Situation wieder und wieder durch.
Was meinte sie damit?
War ich zu viel?
Habe ich falsch reagiert?
Hätte ich anders antworten sollen?
Und während du noch versuchst, Ordnung in alles zu bringen, wird es innerlich nur voller.
Es ist 20:43 Uhr.
Du sitzt auf dem Sofa. Die Tasse Tee steht neben dir, längst kalt. Auf dem Handy liegt eine Nachricht, die du schon dreimal gelesen hast.
Da steht gar nichts Schlimmes.
Nur ein kurzer Satz. Ein bisschen distanziert. Etwas knapper als sonst.
Und sofort fängt dein Inneres an zu arbeiten.
Du spürst Unruhe. Dann Traurigkeit. Dann Ärger darüber, dass dich so ein Satz überhaupt beschäftigt. Dann Scham, weil du denkst, du müsstest erwachsener damit umgehen.
Und am Ende bist du nicht mehr bei der Nachricht.
Du bist bei dir. Bei alten Situationen. Bei der Angst, zu viel zu sein. Bei dem Wunsch, niemandem zur Last zu fallen.
Genau so sieht emotionale Überforderung oft aus.
Von außen: eine Nachricht.
Von innen: ein ganzer Raum voller Stimmen.
Viele hochsensible Menschen haben gelernt, ihre Reaktionen zu kontrollieren.
Nicht weinen.
Nicht übertreiben.
Nicht so empfindlich sein.
Nicht alles persönlich nehmen.
Das Problem daran: Gefühle verschwinden nicht, nur weil du sie leiser stellst.
Sie suchen sich einen anderen Weg.
Über Spannung im Körper. Über Erschöpfung. Über Schlafprobleme. Über Wut, die an ganz anderer Stelle rauskommt. Über Rückzug, obwohl du Nähe brauchst.
Du musst Gefühle nicht ausdiskutieren, sobald sie auftauchen. Aber sie brauchen einen Platz.
Nicht unbedingt auf der Bühne. Manchmal reicht ein Stuhl am Rand.
Der erste Schritt ist oft sehr schlicht: Benenne, was gerade da ist.
Nicht: „Ich bin schlimm.“
Sondern: „Ich bin gerade traurig.“
Nicht: „Ich übertreibe.“
Sondern: „Mein System ist gerade voll.“
Nicht: „Ich darf so nicht reagieren.“
Sondern: „Da ist gerade viel in mir los.“
Das klingt klein. Ist es aber nicht.
Sobald du ein Gefühl benennst, bist du nicht mehr komplett darin verschwunden. Du bekommst einen kleinen Abstand. Nicht kalt. Nicht abgetrennt. Nur einen Hauch mehr Raum.
Der zweite Schritt ist der Körper.
Setz beide Füße auf den Boden. Spür den Kontakt. Nimm einen Schluck Wasser. Leg eine Hand auf den Brustkorb oder auf den Bauch. Atme nicht besonders tief, sondern erst mal nur bewusst.
Frag dich dann:
Was ist gerade das lauteste Gefühl?
Nicht alle auf einmal. Nur das lauteste.
Ist es Wut?
Ist es Traurigkeit?
Ist es Angst?
Ist es Scham?
Ist es Überforderung?
Und dann frag weiter:
Was braucht dieses Gefühl gerade, damit es nicht mehr schreien muss?
Manchmal braucht es Ruhe.
Manchmal braucht es eine Grenze.
Manchmal braucht es einen Satz, den du nicht abgeschickt hast.
Manchmal braucht es Schlaf.
Nimm dir einen Zettel.
Schreib oben drauf:
Was ist gerade in mir los?
Dann schreib ohne Ordnung alles darunter. Keine schönen Sätze. Keine Analyse. Nur raus damit.
Zum Beispiel:
Ich bin traurig.
Ich bin sauer.
Ich fühle mich nicht gesehen.
Ich will nicht antworten.
Ich habe Angst, dass ich übertreibe.
Ich brauche Ruhe.
Danach machst du einen Strich.
Darunter schreibst du:
Was davon ist jetzt wirklich dran?
Oft bleibt dann nicht alles übrig. Sondern ein klarerer Kern.
Zum Beispiel:
Ich brauche heute Abend keine Klärung.
Ich brauche Schlaf.
Ich antworte morgen.
Ich muss nicht sofort funktionieren.
Diese Übung ist kein Zaubertrick. Aber sie bringt das Durcheinander aus dem Kopf aufs Papier. Und manchmal reicht genau das, damit dein System nicht weiter kreist.
Wenn deine Gefühle zu laut werden, bist du nicht falsch.
Du bist nicht unreif.
Du bist nicht zu kompliziert.
Du bist nicht weniger belastbar als andere.
Du hast ein System, das viel wahrnimmt. Viel verbindet. Viel nachspürt.
Das braucht nicht mehr Druck. Es braucht einen besseren Umgang.
Und dieser Umgang beginnt oft nicht mit einer großen Veränderung, sondern mit einem ehrlichen Satz:
Ich nehme gerade mehr wahr, als ich verarbeiten kann.
Wenn du dich darin wiedererkennst und merkst, dass emotionale Überforderung in deinem Alltag viel Raum einnimmt, dann kann ein Orientierungsgespräch sinnvoll sein.
Wir schauen gemeinsam auf deine konkrete Situation. Was dich im Moment so schnell voll macht. Welche Muster dahinterliegen. Und welcher erste Schritt dir helfen kann, wieder mehr bei dir zu bleiben.