Podcast · Folge 212

Berührungsempfindlichkeit: Warum dir Berührungen so schnell zu viel sind

Du magst einen Menschen und zuckst bei seiner Berührung trotzdem zusammen. Warum deine Tagesform mitentscheidet und wie du freundlich für deinen Körper einstehen kannst.

Zwei Frauen umarmen sich; die Frau rechts blickt mit gerunzelter Stirn zur Seite und hält eine Hand nahe an ihr Kinn.

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Drei Umarmungen, und du brauchst schon eine Pause

Miriam kommt etwas später zu einer Geburtstagsfeier. Die Wohnung ist voll, es riecht nach Essen, irgendwo läuft Musik. Ihre Freundin begrüßt sie mit einer langen Umarmung. Danach klopft ihr der Schwager der Gastgeberin auf den Rücken. Eine Frau, die Miriam gar nicht kennt, umarmt sie ebenfalls.

Miriam lächelt. Gleichzeitig ziehen sich ihre Schultern nach oben, ihr Atem wird flach. Nach der dritten Umarmung fühlt sie sich, als wäre sie schon zwei Stunden auf der Feier. Dabei ist sie gerade erst angekommen.

Auf dem Heimweg fragt sie sich, warum etwas so freundlich Gemeintes sich für sie wie ein kleiner Überfall anfühlt. Sie mag diese Menschen doch.

Vielleicht erkennst du dich in diesem Beispiel aus der Podcastfolge wieder. Du freust dich über einen Menschen und merkst trotzdem, dass dein Körper bei einer Berührung auf Abstand gehen möchte. Diesen Moment ernst zu nehmen kann helfen, einen Umgang mit Nähe zu finden, der sich für dich gut anfühlt.

Wenn Berührungen lange nachhallen

Berührungsempfindlichkeit bedeutet hier, dass Berührungen bei dir besonders intensiv ankommen. Eine Hand auf deinem Arm spürst du noch länger. Leichtes Streicheln fühlt sich kribbelig oder unangenehm an. Eine kurze Umarmung beschäftigt deinen Körper noch, während dein Gegenüber längst weitergegangen ist.

Viele Hochsensible kennen solche Erfahrungen. Vielleicht bemerkst du deine feine Wahrnehmung auch bei Nähten, Etiketten oder engen Bündchen. Darum geht es im Beitrag über taktile Überempfindlichkeit und die richtige Kleidung. Bei Berührungen durch andere Menschen kommt zur Wahrnehmung auf der Haut noch die Beziehung hinzu.

Warum dieselbe Berührung sich unterschiedlich anfühlen kann

In einer Umarmung steckt mehr als der Druck auf deiner Haut. Du nimmst Wärme und Bewegung wahr, bemerkst, wer dich berührt, und spürst vielleicht auch, wie angespannt oder gehetzt dein Gegenüber ist. Gleichzeitig versuchst du womöglich, deine eigene Reaktion zu verbergen, damit du nicht unhöflich wirkst.

Auch die Überraschung macht einen Unterschied. Wenn dir ein Kollege beim konzentrierten Arbeiten plötzlich die Hand auf die Schulter legt, hattest du keine Gelegenheit, dich darauf einzustellen. Eine Berührung, mit der du rechnest, kann sich leichter anfühlen.

Und dann ist da die Art der Berührung. Für manche ist ein kurzer, fester Händedruck angenehm, während federleichtes Streicheln über den Unterarm kaum auszuhalten ist. Es lohnt sich, diesen Unterschied bei dir selbst zu beobachten.

Wie voll ist dein Glas heute?

Stell dir deine Belastung wie ein Glas Wasser vor. Das Großraumbüro, ein schwieriges Telefonat und die volle Bahn füllen es nach und nach. Ist es am Abend schon randvoll, kann eine einzige Umarmung zu viel sein. Am Sonntagmorgen nach einem ruhigen Frühstück hättest du dieselbe Umarmung vielleicht genossen.

Deine Tagesform darf also mitreden. Auch schöne Begegnungen können Kraft kosten. Im Beitrag Warum dich Menschen so erschöpfen, obwohl du sie eigentlich magst findest du mehr darüber, wie du soziale Kontakte nach deiner Kapazität gestalten kannst.

Jens möchte Nähe, und Streicheln ist trotzdem zu viel

Jens ist Anfang vierzig und seit vielen Jahren mit seiner Frau zusammen. Sie zeigt ihre Zuneigung gern körperlich: mit einer Hand auf seinem Rücken oder indem sie auf dem Sofa seinen Arm streichelt. Manchmal zuckt Jens dabei zusammen.

Seine Frau fühlt sich zurückgewiesen. Jens fühlt sich schuldig. Beim nächsten Mal versucht er, die Berührung einfach auszuhalten, obwohl er innerlich die Sekunden zählt. Beide wünschen sich Nähe und fühlen sich am Ende allein.

Wenn dir dieses Spannungsfeld vertraut ist, findest du im Artikel Wenn Nähe schwerfällt weitere Gedanken über Sehnsucht nach Verbindung und vertraute Schutzmuster.

Warum ein Nein so schwer über die Lippen kommt

Vielleicht hast du früh gelernt, dass du niemanden enttäuschen sollst. Eine Umarmung abzulehnen fühlt sich dann schnell unhöflich an. Die innere Stimme fragt, ob dein Gegenüber nun denkt, du würdest es nicht mögen.

Ich nenne dieses gelernte Anpassen das Anpassungs-Sicherheitsprogramm. Wer als Kind einen Kuss geben sollte, obwohl sich alles dagegen gesträubt hat, hat womöglich wenig Gelegenheit bekommen, auf das eigene Körpergefühl zu hören. Später wird das Aushalten vertraut, bei Begrüßungen, im Büro und manchmal auch in der Partnerschaft.

Du darfst entscheiden, wer dich wann und wie berührt.

Diese Entscheidung braucht keine Rechtfertigung. In einer Partnerschaft könnt ihr liebevoll darüber sprechen, welche Form von Nähe euch beiden guttut.

Vier Ansätze für deinen Alltag

1. Lerne dein eigenes Muster kennen

Beobachte eine Woche lang, welche Berührungen sich gut anfühlen und wann es zu viel wird. Ein paar Stichworte am Abend reichen.

Du musst dabei nichts erzwingen. Du lernst den Rahmen kennen, den du später freundlich vertreten kannst.

2. Übernimm bei Begrüßungen die Initiative

Wenn du gerade keine Umarmung möchtest, kannst du früh die Hand ausstrecken und lächeln. Vielleicht passt dazu der Satz aus der Folge: „Ich bin eher so der Händeschüttel-Typ.“ Bei Menschen, die du häufig siehst, kannst du deine Vorliebe einmal in Ruhe ansprechen.

Auch im Büro darfst du eine Alternative nennen. Wenn du bei einer Hand auf deiner Schulter erschrickst, sprich es möglichst in einer ruhigen Minute an. Erkläre, dass du bei unerwarteten Berührungen zusammenzuckst, und bitte die Person, dich lieber kurz anzusprechen.

3. Sprecht in Ruhe über Berührung

Direkt nach einem Zusammenzucken sind in einer Partnerschaft oft beide verletzlich. Wählt für das Gespräch einen Moment, in dem ihr Ruhe habt. Erzählt einander, was sich angenehm anfühlt und was gerade schwer auszuhalten ist.

Vielleicht hilft eine kurze Frage vor dem Kuscheln. Vielleicht brauchst du nach der Arbeit erst zwanzig Minuten für dich. Oder eine feste Umarmung ist schön, während Streicheln über den Arm unangenehm bleibt.

Jens und seine Frau finden in der Folge einen kleinen Satz für solche Abende:

Mein Glas ist voll.

Damit weiß seine Frau, was gerade los ist. Die beiden entdecken außerdem, dass Jens gern ihre Hand hält, fest und ruhig, auch wenn Streicheln an diesem Abend zu viel wäre.

4. Plane Ruhe ein, bevor es eng wird

Wenn am Abend eine Familienfeier ansteht, kannst du vorher eine ruhige Stunde freihalten. Vielleicht gehst du spazieren und lässt das Handy liegen. Auf der Feier darfst du dich zwischendurch zurückziehen oder fünf Minuten an die frische Luft gehen.

Solche Pausen geben dir Gelegenheit, durchzuatmen. Beobachte, ob dadurch wieder mehr Raum für Begegnung entsteht, und bleib freundlich mit dir, wenn du weiterhin Abstand brauchst.

Eine ausgestreckte Hand als Anfang

Bei der nächsten Feier kommt Miriam etwas früher. Ihre Freundin umarmt sie gern. Den anderen Gästen streckt sie rechtzeitig die Hand entgegen. In diesem Beispiel ist niemand beleidigt. Am Ende hat sie noch Kraft für das lange Gespräch auf dem Balkon, auf das sie sich gefreut hatte.

Du musst nicht gleich jede Begegnung verändern. Vielleicht gibt es eine einzige Situation, in der du deinen Körper diese Woche bewusster mitentscheiden lässt.

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