Podcast · Folge 211

Warum du weißt, was dir guttut, und es trotzdem nicht tust

Mehr Pausen, früher Nein sagen, abends das Handy weglegen: Du weißt längst, was du brauchst. Wie du die Lücke zwischen Wissen und Tun mit kleinen Schritten überbrücken kannst.

Ein schmaler, festgetretener Weg führt durch eine grüne Wiese zu bewaldeten Hügeln; links steht die Sonne tief unter einem teilweise bewölkten Himmel.

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Wenn dein Ja schneller ist als dein Gedanke

Donnerstagabend, kurz nach sechs. Du sitzt noch am Schreibtisch. Heute Morgen hattest du dir fest vorgenommen, pünktlich Feierabend zu machen. Ein ruhiger Abend würde dir guttun, das weißt du. Dann schreibt eine Kollegin: Kannst du noch kurz über die Präsentation für morgen schauen?

Du tippst „Klar, mache ich“. Eine Stunde später sitzt du immer noch da. Und ein kleiner Teil in dir sagt leise: Schon wieder.

Vielleicht kennst du diese Lücke zwischen Wissen und Tun. Du brauchst mehr Pausen, möchtest früher Nein sagen oder dir Hilfe holen, bevor du ganz leer bist. In einem ruhigen Moment ist dir das völlig klar. Im Alltag gehst du dann doch wieder über dich hinweg. Hinterher bleibt die Frage, warum du es nicht schaffst, obwohl du es doch besser weißt.

Katrin weiß genau, was sie braucht

Katrin ist Anfang vierzig, arbeitet als Projektleiterin und ist hochsensibel. Sie liest viel über Hochsensibilität, hört Podcasts und hält Erkenntnisse in einem Notizbuch fest. Wenn du sie fragst, was ihr guttut, kann sie es sofort sagen: feste Pausen, keine Termine nach siebzehn Uhr und einen freien Sonntag im Monat, nur für sich.

Ihr Kalender sieht anders aus. Sie springt für andere ein, sagt Treffen zu, für die sie keine Kraft hat, und arbeitet in die Mittagspause hinein. Abends ärgert sie sich über sich selbst.

Ich weiß es doch besser. Warum mache ich es dann nicht?

Vielleicht ist es bei dir der Familienbesuch am Sonntag, dem du nach einer vollen Woche trotzdem zustimmst. Du möchtest niemanden enttäuschen. Oder du scrollst abends bis kurz vor Mitternacht, obwohl du früher schlafen wolltest. Es ist der einzige Moment am Tag, der sich nach dir anfühlt.

Solche Situationen können schnell zu Selbstvorwürfen führen. Als müsstest du dich nur mehr zusammenreißen oder endlich das richtige Buch lesen. Dabei lohnt sich ein Blick auf den Moment, in dem dein guter Vorsatz verloren geht.

Der alte Trampelpfad ist leichter zu finden

In Ruhe kannst du über deine Bedürfnisse nachdenken. Die entscheidenden Sekunden sind oft viel unruhiger: Eine Nachricht kommt, jemand schaut dich erwartungsvoll an, eine Antwort scheint sofort nötig. Dann kann ein vertrautes Muster anspringen, bevor du bewusst abgewogen hast, was du gerade brauchst.

Ich stelle mir das wie eine Wiese vor. Darüber führt ein Trampelpfad, den du seit Jahren gehst. Er ist breit, festgetreten und leicht zu finden. Daneben liegt ein neuer Weg. Du weißt, dass du dort lieber entlanggehen möchtest. Aber das Gras steht noch hoch, und jeder Schritt braucht Aufmerksamkeit.

Wenn du müde bist oder es schnell gehen muss, landest du leicht wieder auf dem vertrauten Pfad. So lässt sich verstehen, warum eine neue Erkenntnis im Alltag noch nicht automatisch zu einer neuen Handlung wird.

Bei vielen Hochsensiblen nenne ich diesen vertrauten Weg das Anpassungs-Sicherheitsprogramm. Dahinter steht die gelernte Verbindung: Wenn ich mich anpasse und es allen recht mache, bin ich sicher. Was früher geschützt hat, kann heute dazu führen, dass die eigenen Bedürfnisse immer wieder zurückstehen.

Ich kenne diese Lücke auch von mir. Lange konnte ich anderen sehr klar erklären, wie wichtig Pausen sind. Gleichzeitig habe ich meinen Kalender so voll gepackt, dass für mich selbst kaum Luft blieb. Irgendwann musste ich mir eingestehen, dass ich anfangen musste, meine Erkenntnisse im eigenen Alltag auszuprobieren. Auch an Tagen, an denen es sich holprig anfühlte.

Vier Ansätze, um vom Wissen ins Tun zu kommen

1. Lerne den Moment davor kennen

Der alte Weg beginnt meist mit einem kleinen Signal. Vielleicht zieht es im Bauch, deine Schultern wandern nach oben oder dein Atem wird flach. Vielleicht liegt der Finger schon auf der Tastatur, bevor du überhaupt bemerkt hast, dass du gerade keine Kraft für eine weitere Aufgabe hast.

Beobachte eine Woche lang, wie dieser Moment bei dir aussieht. Du musst noch nichts verändern. Es reicht zunächst, dass du erkennst, was kurz vor deinem schnellen Ja geschieht.

2. Mach den nächsten Schritt kleiner

„Ab jetzt sage ich Nein“ oder „Nie wieder Termine nach siebzehn Uhr“ klingt entschlossen. Im entscheidenden Moment kann sich diese Veränderung aber viel zu groß anfühlen.

Frag dich deshalb: Was ist der kleinste Schritt in die Richtung, die mir guttut? Vielleicht antwortest du auf eine Anfrage etwas später. Vielleicht machst du am Nachmittag eine einzige Pause von fünf Minuten. Wähle etwas, das in deinen wirklichen Tag passt, auch wenn die Woche anstrengend ist.

3. Leg dir einen Satz zurecht

Wenn jemand auf deine Antwort wartet, bleibt selten Zeit, lange nachzudenken. Ein vorher gewählter Satz kann dir diese Zeit verschaffen:

Du musst damit noch keine endgültige Entscheidung treffen. Du schaffst einen Haltepunkt, an dem du prüfen kannst, ob deine Zusage wirklich zu deiner Kraft und deinem Tag passt.

Wenn sich bereits dieser Aufschub schwierig anfühlt, findest du im Beitrag Warum du nicht Nein sagen kannst, obwohl du längst müsstest mehr darüber, warum ein Nein so viel innere Anspannung auslösen kann.

4. Schau abends freundlich zurück

Es wird Tage geben, an denen du trotzdem wieder sofort zusagst oder deine Pause ausfallen lässt. Wenn du dich dafür innerlich beschimpfst, kommt zusätzlicher Druck dazu.

Versuche stattdessen, am Abend kurz hinzuschauen. Wo war heute der Moment, an dem es gekippt ist? Was hättest du in diesem Moment gebraucht? Wenn du magst, notiere ein paar Stichworte. Mit der Zeit kannst du erkennen, in welchen Situationen dein vertrautes Muster besonders schnell anspringt. Diese Beobachtung hilft dir beim nächsten Versuch.

Was sich für Katrin verändert hat

Katrin hat zunächst nur beobachtet, wann ihr Ja schneller kommt als ihr Gedanke. Bei ihr war es besonders oft dann, wenn jemand freundlich und ein bisschen hilflos fragte.

Sie gewöhnte sich einen Satz an: „Ich melde mich in einer halben Stunde.“ In dieser halben Stunde prüfte sie, ob sie wirklich Kraft für die Aufgabe hatte. Manchmal sagte sie weiterhin zu. Immer öfter konnte sie aber auch antworten: „Heute klappt es bei mir nicht, morgen Vormittag schaue ich gern drauf.“

Nach ein paar Wochen beschrieb sie ihre Erfahrung so:

Ich weiß nicht mehr als vorher, aber ich halte mich öfter daran.

Darum geht es bei diesen kleinen Schritten: Du gibst dem, was du längst über dich weißt, im Alltag öfter einen Platz. Wenn du den größeren Zusammenhang nachlesen möchtest, beschreibt Vom Funktionieren zurück zu dir: in drei Etappen den Weg über innere Sicherheit und Klarheit hin zu einer Umsetzung, bei der du dich selbst mitnimmst.

Dein kleiner Schritt für diese Woche

Vielleicht hast du beim Lesen schon eine Situation vor Augen. Eine Anfrage, bei der du regelmäßig zu schnell zusagst. Einen Abend, an dem du deine Ruhe immer wieder verschiebst.

Du kannst mit einer einzigen Beobachtung anfangen. Oder mit einem Satz, den du bei der nächsten Anfrage ausprobierst. Auch ein holpriger Versuch ist eine Erfahrung auf deinem neuen Weg.

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