Podcast · Folge 206

Telefonieren als Hochsensible: Warum ein einziger Anruf so viel Überwindung kostet

Ein Telefonat kann sich für hochsensible Menschen wie eine kleine Prüfung anfühlen. Erfahre, warum das so ist und was dir beim nächsten Anruf helfen kann.

Eine angespannte Frau hält ein Smartphone ans Ohr und blickt nachdenklich zur Seite.

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Du hast die Telefonnummer schon notiert. Vielleicht liegt der Zettel seit Tagen auf dem Küchentisch. Du weißt, was du sagen möchtest, und trotzdem wird aus einem kurzen Anruf eine Hürde.

Wenn der Anruf schon auf dem Küchentisch liegt

Eine Nachricht muss raus, ein Termin muss vereinbart werden, eine Rückfrage muss geklärt werden. Eigentlich wären diese Dinge in fünf Minuten erledigt. Und trotzdem liegt der Zettel mit der Telefonnummer vielleicht seit drei Tagen auf dem Küchentisch.

Du weißt genau, was du sagen möchtest. Vielleicht hast du es dir sogar aufgeschrieben. Trotzdem schiebst du den Anruf vor dir her, bis er dringender wirkt, als er eigentlich ist. Genau diesen Ablauf höre ich in Coachinggesprächen immer wieder.

Gerade hochsensible Menschen kennen dieses Muster. Nicht, weil sie nichts zu sagen hätten oder grundsätzlich unsicher wären. Ein Telefonat verlangt ihrem Nervensystem einfach viel gleichzeitige Verarbeitung ab.

Warum Telefonieren so viel Energie kosten kann

Bei einer Nachricht kannst du in Ruhe formulieren, noch einmal lesen und ein Wort austauschen, bevor du sie abschickst. Ein Telefonat läuft dagegen live. Es gibt keine Bearbeitungsphase. Du hörst nur die Stimme des Gegenübers – ohne Mimik und Gestik – und musst innerhalb kurzer Zeit einschätzen, wie deine Worte ankommen.

Für ein Gehirn, das fein auf Zwischentöne reagiert, ist das eine Menge Arbeit. Dazu kommt das Gefühl, dass am anderen Ende jemand sofort eine Antwort erwartet. Zeit zum Nachdenken scheint nicht vorgesehen.

Das kann sich in ganz unterschiedlichen Situationen zeigen.

Der Anruf in der Kinderarztpraxis

Meike, eine Klientin, hat mir beschrieben, wie ein Anruf bei der Kinderarztpraxis für sie abläuft. Zuerst schreibt sie sich Stichpunkte auf. Dann liest sie sie noch einmal durch. Danach geht sie im Kopf mögliche Fragen der Sprechstundenhilfe und ihre Antworten durch. Erst dann wählt sie die Nummer, manchmal nach zwei oder drei Anläufen.

Während des Gesprächs klingt ihre Stimme meistens ruhig. Die Person am anderen Ende bemerkt nichts von ihrer Anspannung. Danach braucht Meike oft eine halbe Stunde, um sich wieder zu sammeln.

Von außen sieht das nach einem unwichtigen Telefonat aus. Für ihr Nervensystem war es eine kleine Höchstleistung.

Wenn du dich nach Gesprächen mit fremden Menschen generell erschöpft fühlst, findest du weitere Gedanken dazu im Beitrag Soziale Erschöpfung bei Hochsensiblen.

Der Rückruf auf eine unbekannte Nummer

Das Handy vibriert, eine unbekannte Nummer erscheint auf dem Display und du gehst im ersten Moment nicht ran. Danach beginnt die Suche: Wer könnte das gewesen sein? Ein Paketdienst, die Werkstatt oder etwas Dringendes?

Manche rufen sofort zurück, um die Ungewissheit loszuwerden. Andere schieben den Rückruf auf, weil ein unbekanntes Gespräch noch schwerer fällt als ein geplanter Anruf. Oft stellt sich später heraus, dass es um etwas Harmloses ging. Die Anspannung davor war trotzdem echt.

Eine kurze Krankmeldung

Auch ein Anruf bei einer bekannten Person kann schwerfallen. Der Satz für eine Krankmeldung ist eigentlich kurz: „Ich fühle mich heute nicht gut und falle aus.“ Trotzdem kann davor eine lange Zeit des Zögerns liegen.

Was, wenn nachgefragt wird? Was, wenn die Stimme am anderen Ende enttäuscht klingt, weil gerade viel zu tun ist? In einer Nachricht kannst du deine Worte in Ruhe formulieren. Am Telefon steht deine Erklärung sofort im Raum – zusammen mit allem, was in der Stimme des Gegenübers mitschwingt.

Was dir beim nächsten Anruf helfen kann

Du musst dir keinen vollständigen Text schreiben. Oft reichen drei oder vier Stichworte: die Punkte, die auf jeden Fall gesagt werden müssen. Alles Weitere darf sich im Gespräch entwickeln, auch wenn es sich vorher nicht danach anfühlt.

Sprich deinen ersten Satz einmal laut aus, bevor du die Nummer wählst. Im Kopf klingt er oft leichter, als er sich ausgesprochen anfühlt. Wenn du deine eigene Stimme vorher hörst, ist dieser Moment im Gespräch nicht mehr ganz neu.

Auch der Zeitpunkt macht einen Unterschied. Ein Anruf, der den ganzen Tag im Hinterkopf mitläuft, wird gefühlt immer größer. Ein festes, kleines Zeitfenster – zum Beispiel direkt nach dem Frühstück – verkürzt die Zeit, in der die Anspannung wachsen kann.

Du musst nicht in einem einzigen Gespräch alles klären. Ein „Ich melde mich dazu noch einmal per Mail“ ist ein völlig normaler Satz. Du darfst ein Telefonat beenden, bevor jeder einzelne Punkt besprochen ist.

Ich melde mich noch mal per Mail dazu.

Bei einer unbekannten Nummer kann es außerdem helfen, zunächst klingeln zu lassen. Wer wirklich etwas Wichtiges möchte, meldet sich häufig noch einmal oder hinterlässt eine Nachricht. Dann weißt du wenigstens, worum es geht, bevor du zurückrufst.

Und bei einer Krankmeldung reicht tatsächlich ein einziger Satz. Eine ausführliche Erklärung, warum es dir nicht gut geht, schuldest du niemandem.

Wenn vor einem Anruf körperliche Angst dazukommt, zum Beispiel Herzrasen, ein enger Hals oder das Gefühl, gleich zu stottern, findest du im Beitrag Angst im Griff: 7 Tools für hochsensible Menschen weitere Impulse zum Umgang mit Angst.

Diese Fragen müssen keine neue Vorbereitungsschleife werden. Sie sollen dir helfen, den Anruf kleiner und konkreter zu machen.

Eine feste Struktur kann auch bei vielen kleinen Aufgaben helfen, die du sonst vor dir herschiebst. Der Klare Kante Kalender bietet dir dafür täglich Platz, Stichpunkte zu sammeln, bevor der Tag dich einholt.

Und wenn du merkst, dass es bei dir um mehr geht als ums Telefonieren, um eine Vermeidung, die dich am Ende mehr Energie kostet als die Sache selbst, kannst du in einem kostenfreien Orientierungsgespräch schauen, wie dieses Muster bei dir konkret aussieht.

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